Title: Schlagen, plagen und gemein sein
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Fachtag zu Mobbing und Konflikten


„Schlagen, plagen und gemein sein“ unter diesem Motto stand der Fachtag des Fachbereiches Kinder- und Jugendarbeit im Zentrum Bildung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Achtundzwanzig Mitarbeitende aus dem Gemeindepädagogischen Dienst, aus der ehrenamtlichen Arbeit und Kindertagesstätte waren am 10. September 2009 nach Darmstadt gekommen, sie informierten sich über Herangehensweisen zum Thema Mobbing unter Kindern und Jugendlichen und diskutierten Umsetzungsmöglichkeiten in ihren eigenen Arbeitsbereichen.

 

Es begann mit einem Tagesimpuls von Simone Reinisch, der Leiterin des Fachtages, die Landesjugendreferentin der EKHN ist, zu Sodom und Gomorra.

 

Sie begrüßte die Referentin des Fachtages Christina Zitzmann, die Sozialpädagogin ist Bibliodramaleiterin, Lehrbeauftragte an der Fachhochschule und Leiterin des Arbeitsbereiches Jugend in der Caritas Pirckheimer Akademie in Nürnberg, sie hat das Buch „Alltagshelden“ geschrieben.

 

Was ist Gewalt?

Den Einstieg in das Thema gestaltete die Referentin Christina Zitzmann für die 28 Teilnehmer und Teilnehmerinnen spielerisch. Sie teilte farbige Karten aus. Grün symbolisierte „keine Gewalt“, rot „Gewalt“ und gelb war die Karte für „mittel oder unentschieden“. Anhand von Beispielen diskutierten die Teilnehmer(innen): „Was ist eigentlich Gewalt, was ist strukturelle Gewalt, wo wendet man Gewalt gegen sich, wo wird Umgang mit Aggression geübt?“ Eine weitere Frage war, „was ist Mobbing?“ Mobbing ist systematische und zielgerichtete Schikane, die über einen längeren Zeitraum und zwar mehr als zwei Monate auftritt. Bei Schüler(innen) nennt man es „Bullying“. In Schulen wird sehr viel über Gewalt gesprochen, es gibt hier verbale Aktionen, Vandalismus, Raufereien, Prügeleien. Christina Zitzmann arbeitet insbesondere mit Schulklassen zusammen. Sie hat z.b. Listen für Eltern und Betreuer(innen) erstellt, mit deren Hilfe man erkennt, ob ein Kind ein Opfer ist, ein Kind zum Täter neigt oder Täter ist.

 

Grundsätzlich ist festzuhalten: die überwiegende Mehrheit der jungen Menschen verhält sich nicht gewaltsam. 5-10% jeder Alterskohorte fällt durch schwerwiegende Gewalthandlungen auf. In der Verteilung der Gewalt/Mobbingrollen gibt es Geschlechtsunterschiede. Jungen sind eher Täter und Opfer als Mädchen. Wichtig ist, dass Erwachsene/Hauptberufliche nicht immer gleich eingreifen, sondern die Spiele der Kinder auch beobachten. Kinder spielen bisweilen wild miteinander, haben aber Spaß am Spiel, sie lachen, sie spielen eine Rolle, sie wechseln die Spielhandlung, die Spiele werden wiederholt, sie akzeptieren ein „Stopp“ und „Warte mal“, vereinbaren Regeln, machen Pausen, sie tun also nur, also ob sie sich „kloppen“ würden.

 

Die Täter

Betrachtet man die Rolle der Täter, so ist festzustellen, dass es sich um zwei verschiedene Gruppen handelt. Es gibt die sogenannten Persistent-Delinquenten, die sich von der frühen Kindheit an kontinuierlich bis ins hohe Erwachsenenalter sozialinkompetent verhalten und die Jugend-Delinquenten, die erst in der Jugend beginnen, sich antisozial zu verhalten[1]. Ein Kind kann durch ein Modell die Erfahrung machen, dass Gewalt einen effektiven Weg zur Zielerreichung darstellt. Allein das Beobachten einer solchen Modellsituation reicht bereits aus, um eine Verknüpfung zwischen dem gewaltsamen Verhalten und dem Ziel herzustellen.

Ergebnisse einer Studie von Bandura von 1992[2] lassen sich auch auf die Situation von Jugendlichen übertragen: Nehmen wir an, ein Jugendlicher hat während seiner Entwicklung überwiegend gewaltsame Problemlösungsstrategien von wichtigen Bezugspersonen beobachtet, dann liegt es nahe, dass dieses beobachtete Verhalten von dem betreffenden Jugendlichen in anderen Netzwerken fortgesetzt wird, unter der Voraussetzung, dass das gezeigte Verhalten zum Ziel führt.

Eine interessante Beobachtung ist, dass kein Jugendlicher so aggressiv ist, dass er sein Verhalten immer und jedem Menschen gegenüber zeigt. Ob es aktuell zu gewalttätigem Verhalten kommt oder nicht, ist aus lerntheoretischer Sicht nicht zuletzt eine Frage der günstigen Gelegenheit. Vor allem ein geringes Risiko erhöht die Auftretenswahrscheinlichkeit von Gewalt. Zudem spielt ein hoher Anreiz im Sinne von erwünschten Folgen eine Rolle, beispielsweise der erwartete Gewinn an eigenem Prestige in der Clique. Von den Jugendlichen selbst werden auch tätigkeitsspezifische Anreize als Grund für Gewalt genannt, wie z. B. der Spaß oder auch Nervenkitzel, die ihnen die direkte Ausübung von Gewalt bereitet[3].

 

Die Opfer

Bei den Opfern können nach einer Untersuchung von Olweus (2002) mindestens zwei Opfertypen unterschieden werden: die sogenannten passiven Opfer, die häufig victimisiert werden, aber nur selten Gewalt zeigen und die aggressiven Opfer, die sich auch selbst häufig gewaltsam gegenüber anderen verhalten[4]. Im Fall der passiven Opfer spricht einiges dafür, dass gerade ihre Hilflosigkeit dazu beiträgt, dass sie als Opfer wahrgenommen werden. Ihr Verhalten erleichtert es dem Täter, Aggressionen ohne große Gegenwehr abzureagieren, sagt Christiane Zitzmann. Ganz gleich, ob ein Opfer passiv oder aktiv ist, so ist doch festzuhalten, dass jedes Opfer unter den Verhaltensweisen seines Täters leidet.

 

Die Zuschauer

Eine weitere Personengruppe innerhalb einer Konflikt- bzw. Gewaltsituation muss in die Überlegungen mit einbezogen werden – die Zuschauer. Das verbreitete Auftreten von Gewalt ist nur möglich, wenn zu viele Menschen wegsehen, Opfer ohnmächtig bleiben und Dritte nicht helfend eingreifen. Wenn Gewalt folgenlos bleibt, werden Gewalttätige in ihrem Verhalten bestärkt und damit zugleich zum Vorbild für andere, deren Hemmschwelle selbst aggressiv zu werden, sinkt[5]. In diesem Sinne werden Zuschauer immer zu „Ermöglichern“ von Gewalt. Der beschriebene negative Einfluss von passiven Zuschauern innerhalb einer Gewaltsituation spielt gerade im Bereich der Entstehung und Aufrechterhaltung von schulischer Gewalt eine zentrale Rolle.

 

Die Referentin zeigte zahlreiche Möglichkeiten der Intervention auf, die auch in der Kinder- und Jugendarbeit angewendet werden können, z. B.

– im Hinblick auf die Täter: Direkte Reaktion auf gezeigte Gewalttätigkeit, Förderung von alternativen Bewertungs- und Handlungsweisen, Vorleben von Positivbeispielen.

– Opfer: Förderung von sozialer Kompetenz, Anleitung zu selbstsicherem Verhalten.

– Zuschauer: Abbau von Abwehrmechanismen, soziale Aufmerksamkeit und Sensibilität schulen, Ermutigung Anderen zu helfen, Verantwortung stärken, Explorations- und Übungsfelder schaffen, so die Referentin Christina Zitzmann.

 

Mit den Teilnehmenden führte sie viele praktische Übungen und Spiele durch, sie leitete Kleingruppen zum Austausch an und stellte einen Film zum Thema vor.

 

Die Teilnehmenden bewerteten den Fachtag positiv, sie nahmen viele Anregungen für ihre Arbeit vor Ort mit und verließen den Fachtag mit Literaturempfehlungen sowie einer gut gefüllten Tagungsmappe.

 

Simone Reinisch, 11.09.2009

 


[1] Wild, Elke/Noack, Peter: Stabilität und Wandel in den Einstellungen von Jugendlichen und Eltern zur Gewalt. In: Schäfer, Mechthild/Frey, Dieter: Aggression und Gewalt unter Kindern und Jugendlichen. Göttingen 1999, S. 110.

[2] Bandura, Albert: Lernen am Modell. In: Trautner, Hanns Martin: Lehrbuch der Entwicklungspsychologie. Band 1: Grundlagen und Methoden, 2. überarbeitete Auflage, Göttingen, Hogrefe, 1992.

[3] Wild und Noack, a. a. O. S. 112

[4] Olweus, Dan: Gewalt in der Schule. Was Lehrer und Eltern wissen sollten – und tun könnten. Göttingen 2002.

[5] Frey, Dieter/Schäfer, Mechthild/Neumann, Renate: Zivilcourage und aktives Handeln bei Gewalt: Wann werden Menschen aktiv? In: Schäfer, Mechthild/Frey, Dieter: Aggression und Gewalt unter Kindern und Jugendlichen. Göttingen 1990, S. 265 ff.


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