Die Zukunftsfähigkeit der Evangelischen Kinder- und Jugendarbeit
Fachberatungstagung „Die Zukunftsfähigkeit der Ev. Kinder- und Jugendarbeit“ vom 28.09. – 01.10.2009 auf dem Liebfrauenberg
Die Tagung begann mit der Begrüßung durch die Landesjugendreferentinnen Edith Schuster-Haug und Simone Reinisch. 15 Teilnehmer/innen aus dem gemeindepädagogischen Dienst, aus Dekanaten und Kirchengemeinden stellte sich unter dem Fokus der Zukunftsfähigkeit der Ev. Kinder- und Jugendarbeit vor.
Der Referent Dr. Veit Laser von der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend (aej) stieg ins Tagungsthema „Mach mal Zukunft!“ ein. Seine Workshops und sein Vortrag waren geprägt von der nachhaltigen Entwicklung als zentrale Herausforderung für die evangelische Kinder und Jugendarbeit. Im Fokus seiner Betrachtungen stand die Studie „ Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt“. Die Studie erschien letztes Jahr im Oktober, sie stellt einen Anstoß zur gesellschaftlichen Debatte dar. Dr. Veit Laser ist studierter Theologe und seit 2003 Referent für entwicklungsbezogene Bildung bei der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in der BRD e.v. (aej).
Ausgehend von der Studie „Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt“ stellte der Referent die Aktion vor, die für den Kirchentag in Bremen entwickelt wurde. Zentrales Thema der Studie ist: „Besser, anders, weniger“. Daraus resultierend wurden für die Aktion 16 Fragen gestellt, z.B. „Wie weit weg ist Abenteuer?“, „Wie bist du denn unterwegs?“, „Schon getragen – trotzdem cool?“, „Erdbeeren im Januar?“. Auf dem Zentrum Jugend des Kirchentages wurden von einer Künstlerin gefertigte Bäume aufgestellt, an die die Besuchenden Antworten auf diese Fragen geben konnten. Die Blätter aus Bremen können alle angesehen werden unter http:// www.youngspirix.de.
Des Weiteren stellte der Referent ein Projekt für globales Lernen in der evangelischen Arbeit mit Kindern und KonfirmandInnen vor. Es trägt den Namen „global kids“. Er gab einen Überblick über Inhalt und Konzept globalen Lernens mit einem alten slowakischen Märchen „Die zwölf Monate“. Im Märchen gelüstet es die hässliche aber von ihrer Mutter innig geliebte Holena an einem Tag mitten im Januar nach Erdbeeren. Für die sofortige Befriedigung dieses extravaganten Wunsches muss Maruska, die verhasste und schöne Stiefschwester von Holena herhalten. Rücksichtslos wird das Mädchen in den verschneiten Wald geschickt, um frische Erdbeeren zu holen. Die zwölf Monate, denen sie in Gestalt von zwölf Männern begegnet, helfen dem Mädchen aus der Not. Der Januar tauscht seinen Platz mit dem Juli und Maruska findet Erdbeeren in Fülle. Sie kommt nach Hause, soll dann aber Äpfel bringen usw. Die zwölf Monate durchschauen das Spiel und beschwören einen Eissturm herauf, aus dem Mutter und Tochter nicht zurückkehren. Blickt man aus der Perspektive des alten Märchens auf die Welt am Beginn des 21. Jahrhunderts, so scheint es, als habe sich das Märchen nicht nur auf fantastische Weise erfüllt. Vielmehr bildet es unsere Realität in geradezu erschreckendem Maße ab. „Globales Lernen“, so der Referent, „ist eine Antwort auf wachsende Komplexität“. Globales Lernen orientiert sich am Leitbild der nachhaltigen Entwicklung. Fünf Lernfelder sind bestimmend: Wechselseitige Abhängigkeit, Bilder und Wahrnehmungen, Soziale Gerechtigkeit, Konflikte und Konfliktlösungen, Wandel und Zukunft. Orientierung, Visionen und Empowerment können als die zentralen Zielsetzungen globalen Lernens verstanden werden. Das bedeutet, die Befähigung, das eigene Leben im globalen Kontext zu verstehen und verantwortliche Lebensentscheidungen zu treffen. Dabei nutzt globales Lernen erfahrungsbezogene Methoden und geschieht handlungsorientiert. Globales Lernen ist die Regelpraxis, das bedeutet, dass es kein getrennter Inhalt ist, sondern integraler Bestandteil einer umfassend verstandenen Sozialerziehung. Und damit ist globales Lernen auch eine gemeindepädagogische Aufgabe: denn es geht darum, die ermutigende und entlastende Kraft des Glaubens bei der Bewältigung des Lebens unter globalen Bedingungen zu entdecken, zu erfahren und auf dem Weg des konzilaren Prozesses zur Verantwortung für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung zu befähigen.
Globales Lernen für Kinder muss die entwicklungspsychologischen Voraussetzungen besonders berücksichtigen, denn Kinder dürfen nicht überfordert und instrumentalisiert werden, sondern auf das Leben in einer zusammenwachsenden Welt vorbereitet werden. Zur Aufgabe von Pädagogen gehört es, dass Erziehung zur nachhaltigen Entwicklung regelmäßig eingeübt wird. Als Grundsatz könnte gelten, „Lieber zehn Minuten pro Woche als zwei Tage am Jahresende“.
Am Dienstag Tag referierte Hans Heiner Heuser, Studienleiter der Evangelischen Landjugendakademie Altenkirchen, zum Thema „Bildung für nachhaltige Entwicklung – eine Herausforderung für Evangelische Kinder- und Jugendarbeit“. Er ist Diplom-Pädagoge und hat eine Zusatzqualifikation als Öko-Pädagoge. Er referierte über die Weltdekade der Vereinten Nationen von 2005 – 2014 zur Bildung für nachhaltige Entwicklung. Die Umsetzung der UN-Dekade„Bildung für nachhaltige Entwicklung“ in Deuschland wird von der deutschen Unesco-Kommission auf der Grundlage eines einstimmigen Beschlusses des Deutschen Bundestages koordiniert. Bildung für nachhaltige Entwicklung, so der Referent, vermittelt Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen nachhaltiges Denken und Handeln. Sie versetzt Menschen in die Lage, Entscheidungen für die Zukunft zu treffen und dabei abzuschätzen, wie sich das eigene Handeln auf künftige Generationen oder das Leben in anderen Weltregionen auswirkt. „Elementarpädagogik legt die Grundlagen“, so einfach lässt sich die enorme Bedeutung des Elementarbereiches für Bildung für nachhaltige Entwicklung erklären, so der Diplom-Pädagoge. Neu findet der Öko-Pädagoge, dass“ der Weg zur Nachhaltigkeit über die Bildung führt“. Das erste Mal erfährt er, dass Bildung keine additive Maßnahme ist. Der Referent brachte ein Schlagwort des Wuppertaler Instituts für anwendungsorientierte Nachhaltigkeitsforschung an. Es geht insbesondere um die Suffizienz, denn momentan nutzen wir Ressourcen, als hätten wir vier Erden. Doch wir haben nur einen Planeten, mit dem wir sorgsam umgehen müssen. D.h. nachhaltig leben und wirtschaften. Im Zentrum der Forschung des Wuppertaler Instituts stehen die zentralen Herausforderungen einer zukunftsfähigen Entwicklung wie der Klimawandel oder die zunehmende Ressourcenverknappung.
Die heutige Perspektive der Bildung geht vor allem von einem Kompetenzbegriff aus. Es geht um die Fähigkeit, die Perspektive leben und anwenden zu können, der Studienleiter spricht in diesem Zusammenhang von der Gestaltungskompetenz. Gestaltungskompetenz als Leitziel der Bildung für nachhaltige Entwicklung bezeichnet das nach vorne weisende Vermögen, die Zukunft von Sozietäten, in denen man lebt, in aktiver Teilhabe im Sinne nachhaltiger Entwickling modifizieren und modellieren zu können. Dies ist ein Zitat von dem Vorsitzenden des UN-Komitees, de Haan. Dem Öko-Pädagogen geht es vor allem um Naturerfahrungen, denn die Bedeutung von Naturerfahrungen ist siebenmal so groß wie die Bedeutung von reinem Umweltwissen. Insofern findet er Naturerfahrungen mit Kindern und Jugendlichen besonders wichtig.
Am Nachmittag hatten die Anwesenden ein Gespräch mit Pasteur Sören Lenz. Er ist Pastor und Leiter auf dem Liebfrauenberg. Das Haus Liebfrauenberg wird nicht von der Kirche getragen, denn die Kirche im Elsass ist Staatskirche. Der Liebfrauenberg war zu Beginn des Christentums eine sehr geschätzte, der Jungfrau Maria gewidmete Pilgerstätte, dort wurde im 14. Jhd. ihr zu Ehren eine Kapelle errichtet. Vergrößert wurde sie im Jahre 1518 und die Kapelle wurde schon 1571 abgerissen. Im 18.Jhd. wurde sie dann wieder aufgebaut, im 19. Jhd. wurde sie zum Herrenhaus umgebaut und von einer Chemikerfamilie bewohnt. Der Landsitz wurde 1954 durch den Verein „Amis de la maison de l’Eglise“ erworben, restauriert und in ein Begegnungszentrum umgebaut. Im Laufe der Zeit wurden die Orientierungen des dem Liebfrauenberg vielseitiger. Er erfüllt seine Aufgabe als Empfangsstätte, hat jedoch heute sein Angebot vergrößert und öffnet sich für Schulungen und Debatten zu verschiedenen Themen. Im Elsass und in einem Teil von Lothringen gibt es noch evangelische Kirchen, die Pfarrer sind die einzigen Hauptberuflichen. Es gibt noch ca. 250 Pfarrer auf ca. 2,5 Millionen Einwohner im Elsass. Normalerweise gibt es in Frankreich eine klare Trennung von Staat und Kirche (laizistisch). Das ist nur im Elsass und in einem Teil von Lothringen anders, die klare Trennung zeigt sich aber z.B. im Schulunterricht, denn Kinder können ohne weiteres vom Religionsunterricht befreit werden.
Am Mittwochmorgen übernahm der Referent Jean-Felix Belinga-Belinga. Er ist Referent für interkulturelle Bildung im Zentrum Ökumene EKNH. Er ist geboren in Südkamerun und lebt seit 29 Jahren in Deutschland. Er teilte den Vormittag in drei Schritte ein:
1. Standortbestimmung, Entwicklung und Bewegung
2. Anforderung unseres Standortes definieren (Was bedeutet das für uns? Was bedeutet das für die Partizipation?)
3. Umsetzung (Was wollen wir und wie können wir es umsetzen?)
Er startete damit, dass er allen eine Rollenkarte gab, so dass jeder/jede Teilnehmer/in eine andere Person aus einem anderen Land war mit der jeweils anderen Art, Menschen zu begrüßen. Daraufhin bat er alle in ihrer nun eigenen Art, die anderen zu begrüßen. Das brachte eine Menge negativer Gefühle wie Verunsicherung, die Frage nach dem, was mit mir geschieht, einige fühlten sich vereinnahmt oder fanden das Verhalten der anderen übergriffig. Auf der anderen Seite waren einige angerührt von soviel Zärtlichkeit von fremden Personen, sie waren auch neugierig auf die anderen und reagierten sehr positiv. In erster Linie löst das Fremde in uns negative Gefühle aus. Der natürliche Impuls ist es, diese wegzustellen. Der Referent referierte über den Eurozentrismus. Der Eurozentrismus ist:
• rational wissenschaftliches Denken und Handeln
• aus heutiger Perspektive universal gültig
• getrieben vom Willen zu erobern, zu verändern, Kraft und Macht einzusetzen
• getrieben von der Kraft der Optimierung und eines instrumentalen Umgangs mit der Natur
Kultur ist für die Menschen ein wichtiges Orientierungssystem. Es bietet: Werte, Symbole, Rituale, Bräuche, Verhaltensweisen, Äußerungsformen, Gegenstände, Denkweisen…
Eine fremde Kultur wirkt auf uns wie ein Eisberg: Sichtbar sind nur 10% (die Oberfläche). Sichtbares: Sprache, Kunst, Unterhaltung, Kleidung, Essen, …
Verborgenes:
• Erwartungen: Gefühle, Denkmuster, Ideale,…
• Sitten, Denkweisen: Wann ist etwas sinnvoll? Gesprächsverlauf, Was ist beleidigend, was nicht?
• Glaubensinhalte: Definition von Schuld/Sünde, Verständnis von Krankheit und Tod,…
• Werte und Normen: Sauberkeitsbegriff, Ordnung, Pünktlichkeit, Gerechtigkeit, Ungerechtigkeit, Privatsphäre, Offenheit,….
• Kommunikationsstile: offene Ausdrucksweise, Witz, Gestik, Mimik, Symbolsprache,…
• Soziale Struktur: Prinzipien der sozialen Hierarchie, Sozialverhalten, Typen von Freundschaft,…
Am Donnerstagmorgen kam Jens Schramm, Geschäftsführer der Evangelischen Jugend EKHN (ejhn e.V.), als Referent . Er regte den Versuch eines Transfers in die Arbeit vor Ort mit Hilfe eines Assoziationsspiels an. Die Teilnehmenden erhielten die Aufgabe, ihre Gedanken zu vorgegebenen Begriffen zum Thema (politische) Jugendverbandsarbeit zu assoziieren.
Es waren 28 Wörter aus sieben Kategorien:
• Gepäck: Landkarte, Rucksack, Tagebuch, Proviant
• Unterbrechung: Einkehren, Schlafen, Stille, Pause
• Wege: Ziel, Meilensteine, Aufbrechen, Gehen
• Mensch: Füße, Hunger und Durst, Tasten, Schwitzen
• Gefährten: Wegbegleiter, Gastfreundschaft, Unterstützen, Begegung
• Seele: Atmen, Rhythmus, Sehnsucht, Vertrauen
• Herausforderung: Entscheiden, Zurücklassen, Streiten, Denken
• Bonus: Gewinn, Fordern, Unterstützen, Riskieren.
Anschließend arbeiteten die Teilnehmer/innen an 7 Impulsfragen an (politischen) Jugendvertretung im Dekanat(EJVD) bzw. der Kirchengemeinde (GJV)
• Was gibt es an gelingendem/modellhaftem in meinem Dekanat/meiner Gemeinde?
• Woran erkenne ich, dass die Arbeit mit meiner EJVD/GJV positiv ist?
• Wie beteilige/ ermögliche ich? Wo sind meine Grenzen? Was ist meine „Kultur der Partizipation“?
• Wo treten immer wieder Stolpersteine und Fettnäpfchen auf?
• Was brauche ich konkret für die Umsetzung der Jugendvertretungsarbeit und wer oder was kann mich dabei unterstützen?
• Was brauchen aus meiner Sicht Jugendliche für die Arbeit in den EJVD/GJV und wie kann ich (politische) Beteiligung erreichen?
• Reichen die Rahmenbedingungen, die in der Kinder- und Jugendordnung verankert sind, aus oder müssen diese nachgebessert werden?
Im Plenum berichteten die Teilnehmenden von ihren Ergebnissen und kategorisierten die 7 Impulsfragen unter 3 Aspekten, nämlich dem Gewinn, der Herausforderung sowie dem Thema und dem Inhalt, außerdem kategorisierten sie nach Jugendlichen, Hauptberuflichen und der Kirche. Am Ende schauten sich die Teilnehmenden angeleitet durch den Referenten die Stufen der Partizipation nach einer neunstufigen Leiter der Beteiligung nach Sünker und Swiderek an.
Mit Auswertung und Reisesegen schloss die Fachberatungstagung.
Simone Reinisch
05. Oktober






