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Verwirrende Veränderungen


Vortragsveranstaltung
9. November 2010, Offenes Haus, Darmstadt

Karin Flaake:
Verwirrende Veränderungen
Körperlichkeit und Sexualität in der Adoleszenz junger Frauen

Als „einschneidend und aufwühlend“ empfinden viele junge Frauen die Phase der weiblichen Adoleszenz in ihrem Leben, also die Phase des Übergangs zwischen Kindheit und Erwachsensein. Das jedenfalls zeigten ausführliche, sehr einfühlsame Interviews, die die Soziologin Karin Flaake geführt hat.
Die Besonderheiten dieser Lebensphase spielen auch in der beruflichen Arbeit für viele Pädagoginnen und Pädagogen in der Bildungs- und Beratungsarbeit eine große Rolle.
Ein Grund also für die beiden Fachbereiche Kinder- und Jugendarbeit und Erwachsenenbildung und Familienbildung eine Expertin zu diesem Thema zu Wort kommen zu lassen.
20 Frauen und Männer waren am 9.11.2010 der Einladung der beiden Fachbereiche des Zentrums Bildung zum Thema „weibliche Adoleszenz“ in das „Offene Haus“ in Darmstadt gefolgt. Die von Simone Reinisch und Dr. Christiane Wessels moderierte Veranstaltung vermittelte nicht nur interessante wissenschaftliche Erkenntnisse zum Thema weibliche Adoleszenz, sondern bot auch die Möglichkeit, die eigene Rolle als Pädagogin oder Pädagoge oder auch als Eltern zu reflektieren. Denn die Auseinandersetzung mit der Phase des Erwachsenenwerdens junger Frauen berührt natürlich auch viele in ihrer Rolle als Mütter und Väter. Das wurde insbesondere in der Diskussions- und Fragerunde nach dem Vortrag deutlich. Für alle Betroffenen handelt es sich in der Tat um eine Zeit der „verwirrenden Veränderungen“.

„Weibliche Adoleszenz. Zur Sozialisation junger Frauen“ ist der Titel eines Bandes, den  Karin Flaake gemeinsam mit Vera Kling 1992 herausgegeben hat. 2001 erschien dann die Veröffentlichung  „Körper, Sexualität und Geschlecht“. Zusammen mit weiteren Aufsätzen zu diesem Thema kommt Karin Flaake inzwischen ein Expertinnenstatus in Fragen psychoanalytisch orientierter Analyse weiblicher Adoleszenz zu.
Außerdem ist Karin Flaake zu den Mitbegründerinnen der Frauen- und Geschlechterforschung in Deutschland zu zählen.

Ihrem autobiographischen Text in dem Sammelband „Wege in die Soziologie und die Frauen- und Geschlechterforschung – autobiographische Notizen der ersten Generation von Professorinnen an der Universität“ hat Karin Flaake die Überschrift gegeben: „Frauen- und Geschlechterforschung als Prozess der Selbstveränderung“. Ein Titel, der sehr viel über das Besondere dieses Wissenschaftsbereichs aussagt, insbesondere die Art und Weise Wissenschaft zu betreiben. Er deutet hin auf die Verwobenheit von eigener sozialer Herkunft, zeithistorischen Bedingungen, der eigenen Bildungslaufbahn und der Wissenschaftskarriere und letztlich der Reflexion all dieser Zusammenhänge aus der Geschlechterperspektive.

Die Frauen- und Geschlechterforschung wurde etwa seit den 80er Jahren zu einem der Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit von Karin Flaake. Den Ausgangspunkt allerdings bildete das Studium der Soziologie an der Universität Frankfurt in der Zeit der Studentenbewegung, die Begegnung und Auseinandersetzung mit der  kritischen Theorie und die spätere Tätigkeit am Institut für Sozialforschung in Frankfurt. Wie sehr die Sichtweise der Kritischen Theorie für Karin Flaake für ihr eigenes wissenschaftliches Arbeiten prägend war und ist, wird deutlich, wenn sie mit Bezug auf Adornos Lehrveranstaltungen sagt:

„Diese Genauigkeit und Sensibilität im Beobachten von Alltagsphänomenen und die Bereitschaft, das Individuelle, Besondere ernst zu nehmen und zugleich das in ihm enthaltene Allgemeine herauszuarbeiten, ist für mich bis heute eine Fähigkeit, die ich in meinen Lehrveranstaltungen zu vermitteln versuche.“

Karin Flaake verbindet in ihren Forschungsarbeiten zur Adoleszenz junger Frauen und Mädchen Theorien der sozialen Konstruktionsprozesse mit der Dimension des Innerpsychischen. Sie unterscheidet sich damit von der in der sozialwissenschaftlichen Frauen- und Geschlechterforschung beim Thema „Körper und Geschlecht“ zur Zeit dominierenden rein konstruktivistischen Ausrichtung.  Sie hat gewissermaßen beides im Blick: die Vorgaben der symbolischen Ordnung und der sozialen Strukturen und die Eigenlogik psychischer Strukturen.
Soziologie, Psychoanalyse und Frauen- und Geschlechterforschung – diese Kombination konnte sie zunächst in einer Professur an der Freien Universität Berlin und später an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg verwirklichen.

Von 1994 bis zu ihrer Emeritierung 2008 hatte Karin Flaake hier eine Professur für Soziologie mit dem Schwerpunkt Frauen- und Geschlechterforschung inne. In diese Zeit fällt auch die Gründung des Zentrums für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung und die Eröffnung des Magisternebenfachs Frauen- und Geschlechterforschung, an der sie mit beteiligt war.


Der Vortrag: Verwirrende Veränderungen

Die Grundlage des Vortrags bildet eine Studie, die Karin Flaake Ende der 90er Jahre zur Adoleszenz junger Frauen durchgeführt hat. Die Fragestellung der Studie bezog sich auf die Prozesse körperlicher Veränderungen in der weiblichen Adoleszenz und deren Auswirkungen auf die Familienbeziehungen. Von besonderem Interesse für diese Studie war aber auch die Ebene der kulturellen Deutungs- und Interpretationsmuster und ihre Bedeutung für die individuelle Verarbeitung. Die Basis der Studie bildeten 20 Interviews mit 13- bis 19-jährigen Mädchen und jungen Frauen sowie Interviews mit ihren Müttern und Vätern bzw. Stiefvätern. Hinzu kamen literarische Texte, in erster Linie Autobiographien, wie die der Schriftstellerin und Feministin Audre Lorde.

Karin Flaake verbindet in ihrer Studie soziologische mit psychoanalytischen und sozialisationstheoretischen Ansätzen. Ihr Interesse ist es, die Verknüpfung von individuell psychischer, familiendynamischer und gesellschaftlicher Ebene in der weiblichen Adoleszenz aufzuzeigen. Beide Ebenen, sowohl die sozialen Strukturen als auch die psychischen Strukturen,  das so genannte Innerpsychische, Unkontrollierbare, Unbewusste, Phantasien, Wünsche und Ängste spielen eine große Rolle. In einem solchen Konzept sind Körpererfahrungen, Körperbilder und Körperwahrnehmungen von Anbeginn des Lebens sozial geprägt. Sie sind Ergebnis der Interaktion mit wichtigen Bezugspersonen, wie zum Beispiel Mutter und Vater.

Die Rolle der Mütter
In den Interviews schildern die jungen Mädchen die erste Menstruation als einschneidendes und aufwühlendes Ereignis. Zugleich ist es aber für die meisten ein negatives Erlebnis, das eher mit Ängsten und Scham als mit einem Gefühl des Stolzes auf die eigene Entwicklung besetzt ist. So überrascht es auch nicht, dass es den meisten Müttern schwer fällt, den Töchtern ein positives Bild von Menstruation als Lust und Potenz zu vermitteln. Bei den Müttern kommt es häufig zur einer Wiederbelebung der eigenen Gefühle, Wünsche, Hoffnungen, Ängste und Kränkungen in dieser Zeit und damit auch zu einer Aktualisierung der Beziehung zur eigenen Mutter. Die Entwicklung des körperlichen Selbstwertgefühls wird wesentlich von der Tatsache beeinflusst, ob und inwieweit Mütter in der Lage sind, ein positives Körperbild zu vermitteln. Nach den Untersuchungsergebnissen von Karin Flaake scheinen sich eher negative Körperbilder zu tradieren.

Eine ähnlich wichtige Bedeutung kommt Müttern bei der sexuellen Entwicklung zu. Von Bedeutung ist sowohl die Frage, ob die Mutter sich als sexuell aktive Frau sehen kann, als auch die Frage, ob die Tochter ihre Mutter als solche sehen kann.
Wie stark dürfen sich die beiden Leben von Mutter und Tochter und damit das Verhältnis zu Körperlichkeit und Sexualität unterscheiden? Die Adoleszenz der Tochter bedeutet für die Mütter eine Konfrontation mit dem eigenen Älterwerden. In vielen Fällen kommt es zu Abgrenzung, Neid und Rivalität. Aktuell ist eine Tendenz zu beobachten, die sich als der Versuch der Verwischung der Altersgrenzen zwischen Mutter und Tochter beschreiben lässt: Mütter, die sich betont jugendlich kleiden und sich lieber in der Rolle der Freundin als der der Mutter sehen.

Das Vater-Tochter-Verhältnis
Auch das Vater-Tochter-Verhältnis erfährt in der Adoleszenz eine starke Veränderung. Die erste Blutung macht die Geschlechterdifferenz zwischen Tochter und Vater unleugbar deutlich und erschüttert die bisherige Vater-Kind-Beziehung. Die Weiblichkeit der Tochter und die Männlichkeit des Vaters werden zum Thema, wenn auch meist unausgesprochen. Die Gefühle, die sie gegenüber ihren Töchtern empfinden, werden von den Vätern als bedrohlich und beängstigend wahrgenommen. Viele Väter neigen zu einer Entwertung der körperlichen  Vorgänge in der weiblichen Adoleszenz, indem der Menstruation der Tochter jegliche tiefere Bedeutung abgesprochen wird und menstruierende Frauen generell mit Spott belegt werden. Flaake sieht die Ursache für derartige Entwertungstendenzen in der Phantasie von der gefährlichen Macht weiblicher Sexualität.

Als Resümee dieser Studie formuliert Karin Flaake, dass Körpererfahrungen und Körpererleben in allen lebensgeschichtlichen Phasen eingebunden sind in ein komplexes Zusammenspiel von inneren und äußeren Verhältnissen, von Phantasien, Wünschen und Ängsten, die an Körperlichkeit gebunden sind, und Botschaften der sozialen Umgebung. Junge Frauen werden zu solchen durch das, was vor allem Mütter, aber auch Väter, ihnen vermitteln und durch das, was im engen Familienkreis erlebt wird. In diesem leiblichen Erleben sind aber gesellschaftliche Deutungen und Bilder weiblicher Körperlichkeit und Sexualität immanent eingelassen.

Perspektiven für die pädagogische Arbeit
Die Bedeutung pädagogischer Arbeit für die Ausgestaltung der weiblichen Adoleszenz sieht Karin Flaake in der Möglichkeit, Reflexions- und Gestaltungsspielräume zur Verfügung zu stellen, die einen anderen als den gesellschaftlich nahegelegten Umgang mit Weiblichkeit bieten. Junge Frauen und Mädchen sollten in dieser Phase die Möglichkeit haben, eigene Verunsicherungen und Ängste zur Sprache zu bringen. Wichtig ist es aber auch, dass Pädagoginnen und Pädagogen, Möglichkeiten der Reflexion des eigenen Verhaltens als Pädagoginnen und Pädagogen haben und nutzen und sie sich ihre eigenen Grenzen bewusst machen.

Pädagogische Arbeit bietet die Chance für einen potentiellen Ort neuer Erfahrungen – kein Schonraum, aber ein geschützter Raum der Wertschätzung des eigenen Geschlechts.


Zusammenfassung:
Dr. Christiane Wessels
Fachbereich Erwachsenenbildung und Familienbildung



Die Referentin:

Prof. Dr. Karin Flaake